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peter weidemann pfarrbriefserviceErklärung des pax christi-Präsidenten Bischof Peter Kohlgraf zum 8. Mai 2020 anlässlich 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Wir schauen heute mit 75 Jahren Distanz auf diesen Tag. Aus dem historischen Abstand beurteilen wir das Kriegsende und die sich daran anschließende Geschichte mit unterschiedlichen Gefühlen. Zunächst können wir auf 75 Jahre Frieden zurückblicken. Es gab die hoffnungsvollen Erfahrungen von Versöhnung und neuen Partnerschaften zwischen einst verfeindeten Völkern. Dafür steht das vereinte Europa als das Ergebnis eines langen Friedensprozesses, auf den wir heute ebenfalls in Dankbarkeit schauen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert außerdem den Zusammenbruch der Herrschaft des Nationalsozialismus, der durch Gewaltherrschaft und Unterdrückung, Krieg und Völkermord unsägliches Leid verursacht hat. 1945 standen die Menschen vor den Ruinen der Städte, aber auch vor der moralischen Verwüstung, die Nationalsozialismus und Krieg hinterlassen hatten.

Als Bischof kann ich dies nicht nur als Außenstehender kommentieren. Die deutschen Bischöfe haben sich in einem Wort vom 29. April 2020 kritisch mit der Position damaliger deutscher Bischöfe zum Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass die katholische Kirche „Teil der Kriegsgesellschaft“ war, und die Bischöfe forderten im Sinne der klassischen Lehre vom Krieg die Soldaten zu „Treue, Gehorsam und Pflichterfüllung, zu Bewährung, Sühne und Opfersinn auf“ . Auch wenn die historische Beurteilung differenziert sein muss, zeigt sich doch die Wirkung einer aus heutiger Sicht problematischen Theologie, die am Ende eine Mitschuld an den Kriegsereignissen trägt.

Nach dem Krieg durften wir als Kirche in Deutschland erleben, dass andere Versöhnung und Frieden mit uns suchten. So entstand die pax christi-Bewegung aus dem Versöhnungsimpuls des französischen Bischofs Theas gegenüber den Katholiken in Deutschland. Erinnern will ich auch an den Brief der polnischen Bischöfe an die Bischöfe in Deutschland vom 18. November 1965, in dem sie die Hand ausstrecken: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Für derartige Gesten, die große Wirkung entfaltet haben, können wir nicht dankbar genug bleiben. Gelebtes Christentum konnte alte Feindschaften überwinden und neue Beziehungen wachsen lassen, über Grenzen und Nationen hinweg.

Am 8. Mai müssen wir uns ebenso daran erinnern, dass das Ende des II. Weltkriegs nicht für alle einen Weg in die Freiheit darstellte. Viele Überlebende von Krieg und Völkermord waren entwurzelt, zahllose Menschen verloren in ganz Europa durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat, keineswegs nur in den damals deutschen Gebieten. Das Leid setzte sich fort, die Kriegsfolgen sind vielfach bis heute spürbar und sichtbar. Bis sich Menschen der Verantwortung gestellt haben oder zur Verantwortung gezogen wurden, dauerte es oft sehr lange, es gab und gibt nicht nur Aufarbeitung der Geschichte, sondern auch Verdrängung und Nicht-Wahr-Haben-Wollen. Für einen großen Teil Europas mündete die Nachkriegsgeschichte in eine neue Geschichte der Unfreiheit: Europa durchzog bald nach Kriegsende der „eiserne Vorhang“. Während die einen die Hand zur Versöhnung ausstrecken konnten, währte gleichzeitig der „Kalte Krieg“, der durch eine Logik der Abschreckung und der Drohung gekennzeichnet war. Insbesondere die Logik der atomaren Abschreckung war kein Weg zum Frieden, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil versteht: „Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist; er lässt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken; er heißt vielmehr mit Recht und eigentlich ein "Werk der Gerechtigkeit" (Jes 32,17). Er ist die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer selbst in die menschliche Gesellschaft eingestiftet hat und die von den Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit verwirklicht werden muss“ (Gaudium et spes 78).

Vor diesem Hintergrund lässt sich die atomare Abschreckung der letzten Jahrzehnte wohl nur beurteilen als „höchst labiles Spannungsverhältnis zwischen den Machtblöcken, das jederzeit zu einer direkten militärischen Konfrontation hätte führen können.“ Das Erleben dieser Nachkriegszeit war ein höchst „prekäres Sicherheitsgefühl“ . Die Kirche hat demzufolge wiederholt vor der atomaren Abschreckungspraxis gewarnt, insofern sie keine Grundlage für echte Friedensbemühungen darstellt. 1983 äußerten sich die Bischöfe in „Gerechtigkeit schafft Frieden“, dass eine atomare Bedrohung – wenn überhaupt – immer nur auf Zeit ethisch vertretbar sei. Dieses Thema habe die Bischöfe in ihrem Wort aus dem Jahr 2000 „Gerechter Friede“ aufgegriffen. Heute erleben wir eine neue Hinwendung zur atomaren Aufrüstung bei den Großmächten, so dass vom Bemühen einer zeitlichen Begrenzung im politischen Raum wenig zu spüren ist. Wenn das Wort aus diesem Text gilt „Ein Krieg beginnt nie erst, wenn geschossen wird; er endet nicht, wenn die Waffen schweigen“ (Nr. 108), können wir derzeitige Aufrüstungsbemühungen nur ablehnen.

Als pax christi-Bewegung tragen wir deshalb seit nunmehr siebzig Jahren die Option von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in die gesellschaftliche, politische und innerkirchliche Debatte und setzen uns ein für friedenslogisches Denken, Abrüstung und zivile Konfliktbearbeitung.

Das Gedenken am 8. Mai und die Erinnerung an 75 Jahre Kriegende führen uns in aktuelle Debatten um die nukleare Abrüstung hinein. Ich erinnere an die Forderung einer Abschaffung der Atomwaffen durch Papst Franziskus, die er etwa am 24. November 2019 in Japan wiederholt hat: „Wer mit Auslöschung droht, schafft keinen Frieden.“

Auch in Europa nach 1945 gab es leidvolle Kriege und Konflikte, heute erleben wir ein Erstarken nationalen und nationalistischen Gedankenguts. Es ist Zeit, sich an Europa als gemeinsames Friedensprojekt zu erinnern. Rassismus und die Abwertung Anderer, Gewalt und Diskriminierung dürfen nicht gesellschaftsfähig werden. Ich wünsche mir, dass die Kirche gerade in diesen Tagen ihre Aufgabe als globales Sakrament des Heiles und des Friedens wahrnimmt. Die derzeitige Pandemie zeigt uns schmerzlich und überdeutlich, dass wir als Menschen zusammengehören, und dass wir als eine Familie ein gemeinsames Haus bewohnen, das wir in Verantwortung, Gerechtigkeit und Frieden gestalten und aufbauen müssen.

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